Der Moving Cycle ist eine Form der körperorientierten Psychotherapie. Dabei machen wir uns die im Körpererleben innewohnenden Kräfte der Selbstregulation zunutze. Wir tauchen in die unbewussten Schichten unserer Körpererinnerung ein, um neue heilende Erfahrungen zu machen und kreative Schritte zu wagen. Mit wertfreier Aufmerksamkeit heben wir unser körperliches Empfinden, unsere Atmung und den bewegten Ausdruck liebevoll ins   Bewusstsein und nähern uns so auch schwierigen Themen auf eine leichte und neue Weise.

Bewegung verbindet uns mit Spiel und Freude

Im Prozess eines Moving Cycle ist es möglich, innere Heilungsressourcen gerade auch in einengenden   Gewohnheiten, Symptomen und reaktiven Verhaltensmustern zu finden. Automatisierte anhaltende Stimmungen und unbewusste Schattenbewegungen, die sich im Körper abgelegt haben, werden so wieder ins Bewusstsein geholt und können in der Gegenwart in einen heilenden Prozess eingebunden werden. Auch unsere Sicherheit oder Unsicherheit in Beziehungen und alte nach innen genommene Konflikte tauchen oftmals wieder auf. Mit all diesem impliziten Wissen des agierenden Körpers können wir dann arbeiten – und uns entwickeln und heilen.

Auch positive Erfahrungen von Sicherheit, Genuss und spontaner Freude haben sich in unserem Körpergedächtnis eingeschrieben und sind uns hilfreiche Begleiter auf dem Weg. In bewegten Augenblicken liegen Freude und Leid manchmal ganz dicht beieinander. Das erlaubt uns, auch schwierige Themen auf ganz natürliche spielerische und kreative Weise zu erforschen.

Der Heilungszyklus in vier Phasen

In vier Phasen beschreibt der Moving Cycle wie sich der Prozess heilender Erfahrungen in der Beziehung von Klientin und Therapeutin entfaltet. Die vier Phasen nennt Christine Caldwell die Aufmerksamkeits-, die Aneignungs-, die Wertschätzungs- und die Handlungsphase. In jeder dieser Phasen haben Therapeutin und Klientin unterschiedliche Aufgaben, um den lebendigen Prozess im gegenwärtigen Augenblick miteinander zu gestalten und zu durchleben.

Wie sich „Aufgewühlt sein“ verwandelt – Eine Sitzung mit Martina

Martina ist Sozialpädagogin und arbeitet in einer Wohngemeinschaft für psychisch kranke Menschen. Sie kommt direkt von einer anstrengenden Teamsitzung zu mir in die Therapiesitzung. Sie fühlt sich “aufgewühlt“ und “erschlagen“ zugleich, ein Zustand, in den sie immer wieder hineingerät, ohne zu verstehen, um was es da eigentlich geht. Während sie spricht, achte ich auch auf die nonverbalen Signale ihres Körpers. Ich sitze ihr gegenüber und spüre, dass sich mein eigener Atemrhythmus verändert hat und ich ganz flach oben unter dem Brustbein atme. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass auch sie ganz flach atmet. Ihr Blick schweift an mir vorbei in den Raum. Um ihre Aufmerksamkeit auf ihren Körper zu lenken, bitte ich sie, sich für einen Moment nach Innen zu wenden, dort zu verweilen und ihre körperlichen Empfindungen zu beschreiben.  

Martinas Körper findet seinen Rhythmus…

Im oberen Rücken nimmt sie Spannungen wahr, unter dem Brustbein fühlt sie nichts. Ich ermuntere sie bei diesem “nichts fühlen“ zu verweilen. Ich selbst atme einmal tief durch und sie spürt jetzt, dass ihre Atmung unter dem Brustbein flach ist. Auch damit verweilt sie beobachtend. Ihre Schultern ziehen sich nach oben in den Nacken zusammen. Sie steht von dem Stuhl auf, tritt einen Schritt in den Raum und lässt ihren Oberkörper nach vorne fallen, ihre Hände berühren den Boden und ihre Handflächen stützen sich ab. Nun ist sie mit ihrer Aufmerksamkeit ganz bei ihren sich entwickelnden Bewegungen. Ihr Körper beginnt jetzt von alleine, den Prozess zu leiten. Die rechte Hand hebt sich ab, wird zur Faust, öffnet sich wieder. Sie beginnt mit der Hand dem „Aufgewühltsein“ zu folgen und scharrt, kratzt auf dem Boden, beginnt erst mit den Fingerspitzen ein leichtes Klopfen, dann mit der ganzen Hand: es entwickelt sich ein kraftvoller Rhythmus. Sie richtet sich auf, nimmt im Stehen diesen rhythmischen Klopftanz mit den Füßen auf. Jetzt ein drohender Zeigefinger, dann wieder hält die Hand sich zögerlich zurück. Der Arm sinkt herunter und sie bleibt stehen. Tränen laufen über ihr Gesicht, das Schmerz, Wut und hilflose Angst zeigt. Langsam wendet sie sich mir zu, wir schauen uns schweigend an.

… und erinnert sich…

Sie erinnert sich an das Streiten ihrer Eltern. Das laute Anschreien der beiden ängstigt sie. Ihre kindliche aufgewühlte Angst und das hilflose Sich-überwältigt-fühlen aus ihrer Kindheit zeigen sich hier in der Gegenwart. Es macht sie stumm und unruhig. Nach einer Weile nehme ich ihren aufgewühlten Rhythmus von eben mit einer Hand auf, ich schaue sie an, warte auf sie, wir sind beide berührt, atmen, entwickeln den Rhythmus weiter. In einem wortlosen Tanz bewegen wir die aufgewühlte Angst, die verzweifelte Wut und es entfaltet sich zwischendurch auch so etwas wie bestärkende Kraft. Als sich der Tanz beruhigt, stehen wir eine ganze Weile atmend und still da. Ihr Körpergedächtnis hat sich an Situationen aus ihrer Kindheit erinnert und den Schmerz, die verhaltene Wut, das Aufgeben hier zwischen uns in die Gegenwart gebracht.

… auch an seine Kraft

Sie atmet auf. Erleichterung durchströmt sie. Die Erinnerungen aus ihrer Kindheit verbinden sich jetzt mit dem sich „aufgewühlt und erschlagen“ fühlen aus der Gegenwart. Auch in der Teamsitzung fühlt sie sich immer wieder hilflos wütend und stehen gelassen. Am Ende unserer Sitzung spürt sie noch einmal nach wie es sich anfühlt, kraftvoll gestärkt und aufgerichtet durch den Raum zu gehen. Sie findet Sätze, die sie in der nächsten Teamsitzung aussprechen möchte. Einen Augenblick lang geht sie mit diesen Sätzen hier durch den Raum und spürt nach wie sich diese neue Klarheit in ihrem Körper anfühlt. Neu geerdet und aufgerichtet schaut sie mich ganz offen und klar an. Wir beenden die Sitzung in dieser freundlichen Klarheit.

In dieser Sitzung habe ich Martina durch einen Moving Cycle begleitet – und wir konnten beide wieder einmal die erstaunlichen Selbstheilungskräfte der Körpererinnerung erleben.

Der Moving Cycle wurde in den 80iger Jahren von Christine Caldwell Ph.D. an der Naropa Universität in Boulder als eine Form der körperorientierten Psychotherapie entwickelt. Inzwischen arbeite ich mit dieser Methode seit über zwölf Jahren mit Einzelklienten, in Gruppen und Themenspezifisch in berufsbegleitender Weiterbildung, besonders im pädagogischen und heilpädagogischen Umfeld.

In meiner Jahresgruppe „Das bewegte Wissen, Prozessarbeit in Beratung & Therapie“ können Sie diese lebendige Methode am eigenen Leib erfahren und erlernen.