Selbstwert, Selbstbestimmung, Selbstaktualisierung. Das sind Worte, die die Früchte einer sicheren Bindung in der frühen Kindheit beschreiben. Es bedeutet, dass wir uns selbst im Gegenüber erkennen durften, dass genug unbedingte Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Anerkennung unsere Erkundungen und Erfahrungen in der frühen Kindheit beeinflusst haben. So konnten wir ein Empfinden und Fühlen im eigenen Inneren entwickeln und wir wissen, wer wir selbst sind.
Das wertschätzende Mitmenschliche oder auch das Begrenzende nicht Beachtende eines Gegenübers bestimmt unser Selbsterleben und unsere Beziehungen in der frühen Kindheit und es wird unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben.

Bewegung ist auch Sprache

Bindungsverhalten können wir in Bewegungsverhalten beobachten: Der von Unsicherheit erzählende gesenkte Blick, das schweigende Einsinken des Brustkorbs bei Enttäuschung, das nervöse um sich schauen meines Gegenübers bei einer ersten Begegnung. All diese Verhaltensweisen erzählen von der tiefen Unsicherheit entstanden in den ersten prägenden Beziehungen. Eine weite offene Körperhaltung, ein direkter offener Blick, ein Ruhen im eigenen Gewicht hingegen zeugen von Selbstsicherheit und wertschätzender Offenheit für Kontakt.
Und es sind gerade die flüchtigen Zurechtweisungen, die sich wiederholenden vorbeugenden Ermahnungen, die kleinen oder größeren Bestrafungen und Verbote, die sich in den Alltag einschleichen und sich in ständiger Wiederholung in unser Inneres eingraben.

Ein Beispiel

Im spielerischen Fingergefecht am Cafetisch kippt das Milchkännchen um, Vater wird wütend und verbietet das Spiel, fordert zum aufrechten Stillsitzen auf… Erst erschrecken die Kinder, dann stellt sich ein schlechtes Gewissen ein… So viele Male wiederholen sich diese alltäglichen Zurechtweisungen bis die Spontaneität in stiller Anpassung verebbt.
Wie wäre es, wenn der Vater die Lebendigkeit des spontanen Spiels wertschätzend wahrgenommen hätte? Wenn er den Kindern, bevor es zu dem unglücklichen Zwischenfall gekommen wäre, die Erlaubnis gegeben hätte, vom Cafetisch aufzustehen, um Spielen zu gehen? Oder wenn er die Kinder nach dem kleinen Malheur einfach gebeten hätte, die Milch aufzuwischen und sie dann in ihrem Bewegungsdrang vom stillen Sitzen am Tisch zu erlösen?
Wo beginnt eigentlich unsere unbedingte Aufmerksamkeit für das Lebendige noch Ungeformte? Für das, was sich im spontanen Spiel entwickeln will?
Eine Sozialisation von Wertschätzung und Respekt im Umgang miteinander, auch dann wenn schwierige Meinungsverschiedenheiten und Konfrontationen die Gemüter erhitzen, ist die Lebenshaltung, die wir eigentlich im Kreise unserer Familie, im Kindergarten, in der Schule und am späteren Arbeitsplatz vorfinden müssten. Die wir dort üben möchten. Und die uns später dann das Spontane und Echte in den Begegnungen mit anderen ermöglicht.
Wo im Alltag und wie oft lassen wir uns eigentlich spontan und spielerisch auf unsere Kinder ein?

Im Miteinander gegenwärtig Sein

Im gegenwärtig sein könnten wir mehr und mehr unsere innere lebendige wertschätzende Haltung üben. Genau hier im privaten alltäglichen Leben, wo wir immer wieder innehalten müssen, um uns zu besinnen und die Beziehungen zu denen pflegen, die uns nahe stehen. Genau hier üben wir Spontaneität und Lebendigkeit – ganz achtsam und wertschätzend. Denn unser Privates dient ja als gelebte Grundlage für unser wertschätzendes Beziehungsangebot gegenüber unseren Kindern, Schülern oder Klienten.
Es ist diese wertschätzende Achtsamkeit, die im Miteinander gegenwärtig Sein, ein sich selbst wertschätzen nährt, Selbstbestimmung fördert und ein auf natürliche Weise in der Welt sein erwachen und wachsen lässt.